Adolphe Adam: „Die Nürnberger Puppe“ & Gaetano Donizetti: „Die Nachtglocke“, Opernprojekt 2015

Zwei heitere Operneinakter in deutscher Sprache.

Die Komponisten
Über die Oper: Die Nürnberger Puppe
Über die Oper: Die Nachtglocke
Probeneindrücke
Pressestimmen

Die Komponisten

Adolphe Charles Adam (1803 – 1856) zählt zu den bedeutendsten französischen Komponisten des 19. Jahrhunderts. Bekannt sind allerdings nur einige seiner 57 Opern, z. B. „Der Postillon von Lonjumeau“, „Si j’étais roi (Wenn ich König wär´)“ sowie seine zahlreichen Ballette, darunter „Giselle“.

Gaetano Donizetti (1797 – 1848) war einer der wichtigsten Opernkomponisten der italienischen Belcanto-Oper. Neben seinen zahlreichen bekannten großen Opern, wie „L’elisir d’amore“ (Der Liebestrank), „ Lucia di Lammermoor“, „Anna Bolena“ und „Don Pasquale“ hat er auch einige kleine einaktige Meisterwerke geschaffen, die von seinem italienischen Charme und lebendigen Szenen geprägt sind.

Über die Oper: Die Nürnberger Puppe

Der Nürnberger Erfinder und Spielwarenhersteller Cornelius hat für seinen leiblichen Sohn Benjamin eine Puppe kreiert, die ihm eine ideale Ehefrau sein soll. Als Berta, die Geliebte seines Mündelsohnes Heinrich, sich heimlich mit dem Puppengewand bekleidet, glaubt er, tatsächlich ein Wunder vollbracht zu haben. Doch da sie sich immer mehr zur Furie entwickelt, zerstört er sie wieder, was Heinrich die Gelegenheit gibt, ihn zu zwingen, die ihm vorenthaltene Erbschaft auszuzahlen

Über die Oper: Die Nachtglocke

Der Apotheker Don Annibale und Serafina feiern Hochzeit mit ihren Verwandten und Bekannten. Auch Enrico, ein verflossener Geliebter der Braut und Neffe des Bräutigams, ist bei der fröhlichen Feier. In einem unbeobachteten Augenblick macht er der Braut Vorwürfe wegen der Wahl des Bräutigams und schwört Rache. Nach ausgelassenem Tanzen und Trinken gehen die Gäste endlich nach Hause und das Brautpaar freut sich auf die bevorstehende Hochzeitsnacht. Doch da läutet die Nachtglocke, was bedeutet, dass laut Gesetz der Apotheker den notleidenen Patienten die gewünschte Arznei mischen muss. Natürlich ist der heisere Opernsänger niemand anderes als Enrico, der noch einige Male erscheint, bis der Morgen graut, sodass die Hochzeitsnacht anders als gedacht verläuft. Der Chor der Freunde verabschiedet das Brautpaar zur Hochzeitreise.

Probeneindrücke

Pressestimmen

Die „Puppe“ lässt die Puppen tanzen – „Erlesene Oper“ überzeugt mit zwei Kurzopern von Adolphe Adam und Gaetano Donizetti im Kuko

Der Verein „Erlesene Oper“ hat sich auf die große Bühne des Rosenheimer Kultur- und Kongresszentrums gewagt – und szenisch damit gewonnen. Zwei Einakter standen auf dem Programm, die durchaus Eigengewicht hatten: In der „Nürnberger Puppe“ von Adolphe Adam entwickelt eine vermeintliche Puppe ein verteufeltes Eigenleben, während „Die Nachtglocke“ von Gaetano Donizetti einem frisch verheirateten Apotheker die ersehnte Brautnacht vermasselt.

Viel Humor gab’s also auf der Bühne, vom Regisseur und Dirigenten Georg Hermansdorfer mit ebenso viel Humor und viel Liebe zum Detail inszeniert.

„Die Nürnberger Puppe“ folgt den dämonischen Puppenphantasien eines E.T.A. Hoffmann, hat aber ein glücklicheres Ende. Für seinen Sohn hat der Puppenmacher Cornelius eine Mädchenpuppe erfunden, die hier wie eine überdimensionale Barbie-Puppe ausschaut. Cornelius‘ Mündelsohn, dem Cornelius dessen Erbe gestohlen hat, will auf einen Maskenball gehen und hat sich als rotleuchtender Mephisto verkleidet. Seiner Geliebten Berta gibt er das ebenfalls rote Kleid der Puppe, doch als Cornelius überraschend zurückkommt, muss Berta jetzt so tun, als sei sie die Puppe, die von Mephisto zum Leben erweckt wurde. Doch diese vermeintliche tänzelnde Puppe entpuppt sich als rasende Furie, ohrfeigt den Pflegesohn, tobt im Zimmer herum, schmeißt das Geschirr zu Boden und lässt schließlich Cornelius und Pflegesohn turnen und exerzieren: Die Puppe lässt die Puppen tanzen. Cornelius erschlägt die Puppe schließlich mit einem Beil – natürlich die „echte“ Puppe, meint aber, er habe die echte Berta ermordet. Um einer Anklage zu entgehen, rückt er mit dem Erbe heraus: Happyend.

Alles spielt sich in den von Otto von Kotzebue bemalten Bühnenprospekten ab. Der Kamin glüht blutrot und raucht fürchterlich, die Scherben klirren gar schröcklich und das Puppengesicht ist ganz verzerrt vor Wutanfällen: Für die wendige und spielfreudige Sieglinde Zehetbauer eine Mordsgaudi, für ihren ebenso wendigen und agilen Sopran eine Demonstrationsfreude: Hell und glockig ist ihr Sopran bei den spieluhrmäßigen Arien und koloraturensprühend bei den Wutanfällen. Andreas Agler als Cornelius und Markus Kotschenreuther, dem die geforderte Stimmlage hörbar liegt, als Mündelsohn punkten mit deutlicher Artikulation und Wortverständlichkeit zusätzlich zu ihren angenehm timbrierten Baritonen. Helmut Wiesböck ist der etwas dümmliche Sohn.

In Donizettis „Nachtglocke“ dafür ist er der eilfertige Diener, während Andreas Agler den Apotheker singt, der mit seiner frisch Vermählten (Sieglinde Zehetbauer diesmal etwas schnippischer, aber in märchenhafter Garderobe) baldmöglichst ins Ehebett steigen will. Markus Kotschenreuther in der Rolle des von der Braut verschmähten Ex-Liebhabers verhindert dies wirkungsvoll, indem er drei verschiedene Rollen von angeblich Kranken spielt, die eben just Medikamente brauchen. In diesen Rollen als kranker Franzose, heiserer Sänger und alter Mann mit kompliziertem Medikament entfaltet Kotschenreuther großes komödiantisches Vermögen, wandelt seine Stimme je nach Figur und zeigt sich darin höchst versiert.

Ein stimmstarker Chor

In dieser Oper tritt am Anfang und am Ende auch der stimmstarke und liebevoll kostümierte Chor auf, in dem sogar ein Zauberer die anwesenden kleinen Kinder verblüfft mit seinen Kunststücken.

Die Musik beider Opern ist publikumszugewandt, schmeichelnd, tänzelnd, charakterisierend und sehr arios – und ihr zuzuhören macht Freude. Georg Hermansdorfer bemüht sich, dies auch im Orchesterklang auszudrücken. Doch sein wackeres Orchester ist nun mal kein Opernorchester, das hellwach und rhythmus-souverän reagiert. Aber es spielt sich nach anfänglichem Zaudern warm und lässt sich schließlich von den temperamentvollen Sängern und dem knalligen Spiel auf der Bühne mitreißen – obwohl es nichts davon sieht, weil es im Orchestergraben versteckt ist. Aus dem aber doch sich eine schmelzende Sologeige erhebt und kecke Flöten herausblitzen.

Vergnüglicher lässt sich ein verregneter Sonntagnachmittag nicht verbringen, was das Publikum im fast ausverkauften verkleinerten Saal auch durch seinen langanhaltenden Beifall zum Ausdruck brachte.

Noch eine Aufführung gibt es am Sonntag, 15. März, um 16 Uhr. Bereits um 13.30 Uhr ist eine Kinderaufführung von Donizettis „Die Nachtglocke“. Karten gibt es im Kultur- und Kongresszentrum, Telefon 08031/3659365.
OVB online, 05.03.2015: Die „Puppe“ lässt die Puppen tanzen

ROSENHEIM: DIE NÜRNBERGER PUPPE (Adolph Adam) / DIE NACHTGLOCKE (Donizetti). Premiere
Zwei Opernraritäten in Rosenheim: „Die Nürnberger Puppe“ von Adolphe Adam und „Die Nachtglocke“ von Gaetano Donizetti (Premiere: 1. 3. 2015)

Der Verein „erlesene oper“, im Jahr 2011 mit dem Ziel gegründet, unbekannte oder vergessene Opern wieder zum Leben zu erwecken, brachte heuer die beiden Einakter „Die Nürnberger Puppe“von Adolphe Adam und „Die Nachtglocke“ von Gaetano Donizetti in Rosenheim zur Aufführung. Spielstätte war das „KU’KO“ (Kultur- und Kongress-Zentrum Rosenheim), das sich durch eine große Bühne und einen Orchestergraben bestens eignete und auch sehr gut besucht war. Beide Einakter wurden in deutscher Sprache gesungen (Übersetzung der Adam-Oper: Ernst Pasqué und Ludwig Andersen, der Donizetti-Oper: Georg Hermansdorfer).

Beide Opern wurden von Georg Hermansdorfer, dem Gründer und der „Seele“ des Vereins „erlesene Oper“, sehr humorvoll inszeniert, wobei seine eloquente Personenführung herausstach. Die treffliche Bühnenmalerei der Kulissen stammte jeweils von Otto von Kotzebue. Für die schmucken Kostüme sorgte Irmtraud Pichler, für die Beleuchtung Marcus von Hartmann.

Die Opéra comique La poupée de Nuremberg wurde 1852 an der Opéra Comique in Paris mit so großem Erfolg uraufgeführt, dass man damals von einem grandiosen künstlerischen Comeback des Komponisten schrieb, der Jahre zuvor mit der Oper Le postillon de Lonjumeau und den Balletten Giselleund Le Corsair berühmt wurde, ehe er sich mit der Direktion der Opéra Comique überwarf.

Die Handlung der Oper, deren Libretto von Adolphe de Leuven und Arthur de Beauplan verfasst wurde, in Kurzfassung: Der Spielzeugmacher Cornelius hat – wie Spalanzani in Offenbachs Hoffmanns Erzählungen – eine mechanische Puppe konstruiert. Er ist überzeugt, seiner Puppe mit Hilfe des Zauberbuchs von Doktor Faustus in einer mitternächtlichen Geisterbeschwörung Leben einhauchen zu können, um sie dann seinem etwas einfältigen Sohn Benjamin zur Frau zu geben. Diesen Aberglauben macht sich sein Neffe Heinrich zunutze, der von Cornelius um sein Erbe betrogen wurde. Er vertauscht die Puppe mit seiner Braut Berta und entfacht – als Mephisto verkleidet – einen Höllenzauber, der Cornelius schließlich zur Vernunft und zur Anerkennung seiner Schuld bringt.

Beide Werke wurden von Georg Hermansdorfer, dem Gründers und der „Seele“ des Vereins „erlesene Oper“, sehr humorvoll inszeniert, wobei seine eloquente Personenführung herausstach. Die treffliche Bühnenmalerei der Kulissen stammte von Otto von Kotzebue. Für die schmucken Kostüme sorgte Irmtraud Pichler, für die Beleuchtung Marcus von Hartmann.

Star des ersten Einakters war die Sopranistin Sieglinde Zehetbauer als Berta. Mit ihrem puppenhaften Aussehen und ihrem koketten Auftritt als Puppe war sie eine Idealbesetzung. Dazu kam, dass sie auch stimmlich voll überzeugte. Ihren listigen Freund Heinrich gab der Bariton Markus Kotschenreuther. Den Nürnberger Spielwarenhersteller Cornelius spielte der Bariton Andreas Agler, seinen einfältigen Sohn Benjamin der Bariton Helmut Wiesböck, die beide ihre Rollen humorvoll zu gestalten wussten.

Probe mit Chor zur —Nachtglocke”€œ von Donizetti (Foto: Verein “€žerlesene oper e.v.”€œ)

Nach der Pause stand der zweite Einakter „Die Nachtglocke“ von Gaetano Donizetti auf dem Programm. Die „Farsa per musica“ Il Campanello di notte, deren Libretto der Komponist selbst nach dem Vaudeville La sonnette de nuit von Léon-Lévy Brunswick, Matheu-Barthélémy Troin und Victor Lhérie verfasste, wurde 1836 in Neapel uraufgeführt.

Die Handlung in Kurzfassung: Don Annibale, ein älterer Apotheker, heiratet die junge Serafina und wird in der Hochzeitsnacht von deren früherem Geliebten Enrico gestört, der ständig mit neuen Leiden und Verkleidungen auftaucht und die Nachtglocke läutet. Da der Apotheker am frühen Morgen nach Neapel reisen muss, wo er der Testamentseröffnung seiner verstorbenen Tante beizuwohnen hat, wird er um seine Hochzeitsnacht geprellt.

In dieser herrlichen musikalischen Komödie brillierte vor allem Markus Kotschenreuther als Enrico, Ex-Geliebter und Cousin der Braut. Seine schauspielerische Leistung in den verschiedenen Verkleidungen begeisterte das Publikum. Nie in Klamauk verfallend, war er als notleidender französischer Patient, der sich den Magen verdorben hat, ebenso überzeugend wie als heiserer Sänger oder als alter Mann, der für seine plötzlich erkrankte Frau dringend eine Medizin benötigt. Wie er dabei den Apotheker zur Verzweiflung treibt, war köstlich humorvoll gespielt. Ihm ebenbürtig in diesen Szenen war Andreas Agler als um seine Hochzeitsnacht geprellter Apotheker. Auch er spielte seine Rolle hervorragend, wobei besonders sein köstliches Mienenspiel beeindruckte.

Sieglinde Zehetbauer als Serafina, die gleichfalls um ihre Hochzeitsnacht gebracht wird, konnte auch in dieser kleineren Rolle als junge Braut überzeugen. Ihren Blicken war abzulesen, dass sie sich wohl mit ihrem Cousin und früheren Geliebten Enrico trösten würde.
In kleineren Rollen waren noch die Sopranistin Beatrix Schalk als Brautmutter und Helmut Wiesböckals Diener des Apothekers im Einsatz.

Eindrucksvoll agierte der etwa 20köpfige Chor des Vereins (Einstudierung: Hubert Dobl,Organisation: Eva Epple), der die Hochzeitsgäste darzustellen hatte und dabei nicht nur stimmkräftig agierte, sondern auch tänzerisch zu gefallen wusste.

Das mehr als 35köpfige Orchester des Vereins „erlesene Oper“ brachte die reizvollen Partituren von Adam und Donizetti unter der professionellen Leitung von Georg Hermansdorfer, facettenreich zur Geltung.
Das begeisterte Premierenpublikum dankte allen Mitwirkenden mit minutenlangem Applaus und einigen Bravorufen. Ein besonderes Lob gilt dem Tausendsassa Georg Hermansdorfer, der als Dirigent, Regisseur, Übersetzer und Vorstandsvorsitzender des Vereins „erlesene oper“ wohl die Hauptlast des Unternehmens trägt.

Udo Pacolt

PS: Die beiden Operneinakter kommen noch am nächsten Sonntag (8. März, 16 Uhr) in Rosenheim zur Aufführung.

PPS: Für das nächste Jahr ist eine Aufführung der Oper „Gli equivoci“ von Stephen Storace (1762 – 1796) geplant, die 1786 in Wien uraufgeführt wurde.
Online Merker, 03.03.2015: ROSENHEIM: DIE NÜRNBERGER PUPPE (Adolph Adam) / DIE NACHTGLOCKE (Donizetti)