Als der 1839 im Fürstentum Liechtenstein geborene Komponist Josef Gabriel Rheinberger im Alter von nur zwölf Jahren von Vaduz nach München zog, um eine seinem außerordentlichen Talent entsprechende musikalische Ausbildung zu erhalten, gab es gerade noch keine Königlich Bayerische Staatsbahn, die ihn von Lindau über Augsburg nach München hätte bringen können. Er musste also zumindest die Strecke bis Augsburg mit der Postkutsche zurücklegen. Ob er alleine reisen musste? Eine eher unheimliche Vorstellung.

In eine ähnlich unheimliche Emotionslage führt einen die Ouvertüre der Oper „Die sieben Raben“. Kein Wunder. Wir begeben uns ja in eine Märchenatmosphäre, mit sicherlich einem düsteren Wald, einer Burg mit vielen dunklen Ecken und gemeinen Menschen. Doch dann erklingen himmlische Geigen, wie ein Sonnenstrahl, wunderschön, wie Elsbet. Ihre Schönheit ist nicht nur eine äußerliche. Sie ist von innen her schön durch ihre Treue und ihre Liebe zu ihren verwunschenen Brüdern. Ouvertüren sind eine besondere Art der Zusammenfassung. Mit wenigen Klängen fassen sie die Emotionslagen einer oft zweistündigen Oper zusammen und deuten an – Gott sei´s gedankt – dass es am Ende doch noch gut ausgehen wird.

Die wunderschöne Musik des, sicherlich aufgrund seiner bayerischen Veredelung, bedeutendsten liechtensteinischen Komponisten Rheinberger darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in der Geschichte um schwere und tiefschürfende Themen geht. Eltern, die ihre Söhne verfluchen, wegen einer Lappalie. Was ist schon ein zerbrochener Krug? Sie meinten es doch gut. Eine übrig gebliebene Tochter, die deshalb auch noch Schuldgefühle hat und sich Jahre lang Vorwürfe macht. Warum eigentlich? Wenn jemand wirklich unschuldig ist, dann sie. Heute sagen uns helfende Menschen, Psychologen, Seelsorger, wie wir mit unseren Lasten der Familiengeschichte umgehen können, wie wir wieder herauskommen, verzeihen, nach vorne schauen, neu anfangen, fast wie ein Wunder. Früher hatten Märchen die Rolle, auf so komplizierte menschliche Zusammenhänge aufmerksam zu machen. Und es brauchte Feen und echte Wunder, um wieder aus dem Schlammassel heraus zu kommen. Eigentlich interessant, dass man sich früher solche Märchen – heute würde man sagen Sience Fiction Erzählungen – als Gutenachtgeschichten erzählte. Von Einschlafen kann keine Rede sein. Das ist in einer Oper auch nicht angebracht.

Dass der Verein „Erlesene Oper“ für 2017 eine Oper von Josef Gabriel Rheinberger in das Programm genommen hat, freut mich besonders! Eine alte bayerisch-liechtensteinische Verbindung wird dadurch gepflegt und lebendig gehalten. Die Rosenheimer Inszenierungen von Regisseur und musikalischem Leiter Georg Hermansdorfer genießen über die Grenzen einen hervorragenden Ruf. Und es ist eine großartige Initiative, auf diese Weise schon seit fünf Jahren Opern den Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern näher zu bringen. Das ist künstlerisch und gesellschaftlich ein mehr als nur lobenswertes Engagement!

Solche Projekte brauchen viele unterstützende Helfer. Mit großem Respekt sende ich daher meinen Dank auch an die Vertreterinnen und Vertreter der Politik. Kunst ist das was bleibt. Der musikalischen Leitung, dem Ensemble und dem gesamten Team wünsche ich viel Spaß bei den Proben, größten Erfolg für die Aufführungen und allen, die diese genießen werden, emotionale Momente und ein unvergessliches Vergnügen!

Berlin im Oktober 2016

Prinz Stefan von Liechtenstein
Botschafter des Fürstentums Liechtenstein in der Bundesrepublik Deutschland

 

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